LGBTI(A?)Q

Asexualität als queere Praktik

„Wer krank ist, hat meist keine Lust auf Sex. Wer lustlos ist,ist womöglich krank.“ [X]

Unter dem Wikipedia-Eintrag zum Thema „Asexualität“ sind folgende Links zu thematisch verwandten Artikeln aufgelistet: „Anaphrodisie, „Frigidität“, „Sexualangst“. Lediglich ganz zum Schluss findet sich ein positiv besetzter Begriff, nämlich „Sexuelle Selbstbestimmung“. [1] Die Pathologisierung von Asexualität ist offenbar nach wie vor so akzeptabel wie allgegenwärtig. Dies zeigt sich aber nicht nur in Einträgen zum Thema in Online-Enzyklopädien, sondern auch in akademischen Diskursen 2,3 und in der diesbezüglichen medialen Berichterstattung. Die Vorstellung, dass sexuelles Begehren und die sich als daraus logisch ergebend imaginierte sexuelle Aktivität ein selbstverständlicher Teil des Lebens jedes „gesunden“ erwachsenen Menschens sei, bzw. das Ergebnis einer erfolgreichen psychosexuellen Entwicklung, ist nach wie vor nicht nur weit verbreitet, sondern oftmals eine unhinterfragte und selbstverständliche Grundannahme. Wie das Fokus-Magazin 2001 schreibt: „Jedes gesunde menschliche Wesen, das jemals auf dieser Erde herumgelaufen ist, kennt diesen Drang“. 4 Sowohl in LGBTIQ*-politischen wie auch in queertheoretischen Kontexten wurde „dieser Drang“ jedoch jahrzehntelang dekonstruiert, kritisiert, analysiert, so er doch lange Zeit etwas sehr Spezifisches meinte und eine sehr enge Norm gesellschaftlich akzeptierten sexuellen Ausdruckes bezeichnete: nämlich eine monosexuelle 5 , heterosexuelle, monogame.
Was aber, wenn „dieser“ Drang nicht nur eine Form annimmt, welche aus heteronormativer, monosexistischer und heterosexistischer Perspektive inakzeptabel erscheint, sondern gar nicht vorhanden ist? Asexuelle Menschen entsprechen, ebenso wie bisexuelle, homosexuelle oder pansexuelle, nicht oben genannter enger Heteronorm und sind daher mit ähnlichen Problemen konfrontiert. Die erste (und bislang ihrer Art einzige) Studie, die feindliche Einstellungen gegenüber Asexuellen erforscht, wurde 2012 von MacInnis/Hodson 6 durchgeführt. Sie verglich das Ausmaß an negativen Vorurteilen heterosexuellen, homosexuellen, bisexuellen und asexuellen Menschen gegenüber. Wenig überraschend stellte sich heraus, dass Heterosexuelle durchwegs am positivsten beurteilt werden. Etwas unerwarteter sind allerdings die weiteren Ergebnisse: Von den drei angeführten sexuellen Minderheiten werden homosexuelle Menschen am positivsten beurteilt, gefolgt von bisexuellen. Die umfassendsten Vorurteile und am meisten dehumanisierenden Vorstellungen wurden in der Studie Asexuellen gegenüber festgestellt: „[N]ot only are more negative attitudes leveled toward sexual minorities (vs. heterosexuals), but antiasexual prejudice is the most pronounced of all.“ (MacInnis/Hodson 7)

An dieser Stelle gilt es anzumerken, dass die Studie nicht darauf eingeht, dass Menschen natürlich mehrfach von Diskriminierungen und Vorurteilen betroffen sein können. Asexuelle, die beispielsweise homoromantisch oder biromantisch leben, können so von Vorteilen gegenüber Asexuellen als auch von Vorurteilen gegenüber Homosexuellen und/oder Bisexuellen betroffen sein. Diese Ausführungen machen deutlich, wie wichtig es ist, dass asexuelle Menschen in der LGBTIQ*-Community einen sicheren Ort finden.
Gerade deshalb, weil sie mit Pathologisierung, Stigmatisierung und Ausgrenzung konfrontiert sind, sind sie auch (selbst dann, wenn sie heteroromantisch leben) als queere Menschen zu verstehen. Den oft schmerzhaften Prozess des Coming Outs, mit den dazugehörigen potentiell traumatischen Erfahrungen des Andersseins, der Ausgrenzung, der Versuche dazuzugehören und möglichen Diskriminierungs-/Mobbingerfahrungen auf Basis dieser Andersheit teilen asexuelle Menschen mit anderen LGBTIQ*s. Asexualität ist also ein queerer sexueller Ausdruck.

In einem Aspekt unterscheidet sich die Formierung einer asexuellen Identität allerdings nach wie vor von Homo/Bisexualität. Nämlich darin, dass die Kategorie, bedingt durch ein Unwissen darüber, dass Asexualität eine sexuelle Orientierung und nicht eine Dysfunktion darstellt, bis heute oft gar nicht zur (positiven) Selbstidentifikation zur Verfügung steht. Dies macht es schwierig, (A)Sexualität zu „begreifen“ (in eine begriffliche Kategorie zur Selbstidentifikation einzuordnen) und diese nach außen zu kommunizieren, da sich asexuelle Menschen nach wie vor am Rande dessen, was Butler als „Intelligibiltät“ bezeichnet, befinden. 7 Auch gibt es für asexuelle Menschen keine positiven medialen Repräsentationen, die Identifikationsmöglichkeiten und ein in der Mehrheitsgesellschaft bekanntes und akzeptiertes Coming Out-Narrativ zur Verfügung stellen. Das Nichtvorhandensein begrifflicher Kategorisierung gilt zudem auch für das Phänomen der Asexuellenfeindlichkeit. Während wir diskriminierendes Verhalten oder negative Vorurteile gegenüber Homosexuellen, Bisexuellen oder Transgender-Personen als Homophobie, Biphobie und Transphobie bezeichnen können, existiert bis heute kein Begriff, der negative Vorurteile und diskriminierendes Verhalten gegenüber Asexuellen beschreibt.
Doch es gibt auch Fortschritte.

In jüngster Zeit schlägt sich in der medialen Berichterstattung eine Anerkennung von Asexualität als sexueller Orientierung (im Gegensatz dem bisher üblichen Verständnis als pathologischem Zustand oder Dysfunktion) nieder (vgl. u.a. Hurst: 2012, Hilbk: 2009, Groessing 2014), während und weil asexuelle Menschen auch zunehmend als politische Gruppe auftreten und einen Platz in der LGBTIQ*-Bewegung für sich reklamieren (siehe: MacInnis/Hodson 2). Neben ihrer Geschichte der Pathologisierung und Stigmatisierung ist im Moment also in Reaktion darauf auch die Formation einer asexuellen Bewegung, sowie ein neues Selbstverständnis asexueller Menschen als (politisierte) sexuelle Minderheit (und damit als Teil der LGBTIQ*-Bewegung) zu beobachten 8 . Foucault (1977) 9 und Halperin (2000) 10 beschreiben im Zusammenhang mit der Entwicklung der Kategorie der (männlichen) Homosexualität im 19.Jahrhundert, wie vormals in unterschiedlichen Konzepten gefasste „deviante“ Praktiken und Identifikationen in einer begrifflichen Kategorie zusammenfallen. Foucault legt besonderes Augenmerk darauf, wie durch pathologisierende Diskurse ein homosexuelles Subjekt entsteht, wo davor lediglich von Normen „abweichendes“ oder gegen Gesetze verstoßendes Verhalten war. Mit Foucault gedacht, formiert sich, durch das begriffliche Verständnis von Asexualität als sexueller Identität, im Moment ein asexuelles Subjekt. Dieses neue Verständnis ermöglicht asexuellen Menschen Selbstidentifikation und die Kommunikation dieser Identifikation nach außen, sodass ein Coming Out tatsächlich erst möglich wird. Sowohl die Kategorisierung „homosexuell“ als auch „asexuell“ waren zu Beginn welche, die pathologisierender Absicht von außen vorgenommen wurden und später wichtige politische und identifikatorische Selbstbezeichnungen für die damit kategorisch gefassten Menschen wurden.

Auf der Homepage des „Asexual Visibility and Education Network“ wird Asexualität nicht nur definiert, es wird auch eine weitere Auflistung ihrer verschiedenen Erscheinungsformen geboten. Asexualität ist hier als Überbegriff zu verstehen, der in sich verschiedene Ausdifferenzierungen vereint. 11 Nachdem Asexulität und Sexualität keine zwei klar differenzierbare Kategorien sind, sondern ein Spektrum darstellen, gibt es auch Identitäts-kategorien „gray-asexuality“ oder „graysexuality“, welche eine Identifikation zwischen Sexualität und Asexualität bezeichnen, beispielsweise, weil jemand nur selten oder in geringem Ausmaß oder nur unter bestimmten Bedingungen sexuelles Begehren empfindet. Als Sonderform von gray-sexuality kann Demisexualität betrachtet werden, welche eine sexuelle Orientierung bezeichnet, bei der nur nach der Bildung einer starken emotionalen (allerdings nicht notwendigerweise romantischen) Bindung sexuelles Begehren empfunden wird. Zudem unterscheiden asexuelle Menschen in der Beschreibung ihrer eigenen Sexualität oft zwischen ästhetischer Anziehung (aussehensbezogene Anziehung, welche nicht sexueller oder romantischer Natur sein muss), romantischer Anziehung (welche nicht notwendigerweise auch sexueller Natur sein muss), sensueller Anziehung (das Bedürfnis nach nicht-sexuellem physischen Kontakt) und sexueller Anziehung (welche das Bedürfnis nach sexueller Interaktion bezeichnet). 12

Diese neue begriffliche Differenzierung und Diversifizierung ermöglicht nicht nur asexuellen Menschen, sondern letztlich auch allen anderen, ein differenziertes Verständnis und eine nuanciertere Artikulation der eigenen Sexualität. Als sexuelle Minderheit, welche bislang vor allem pathologisierenden Diskursen über sich ausgesetzt war und damit zumeist aus einer Außenperspektive diskutiert wurde, waren asexuelle Menschen lange mit einer begrifflichen Leere in Bezug auf eine angemessene Artikulation des eigenen (a)sexuellen und (a)romantischen In-der-Welt-Seins konfrontiert. Dies erforderte das Etablieren eines eigenen Vokabulars mit welchem eine solche Artikulation erst möglich wird. Die asexuelle Community hat so auch für andere Gruppen zu einem wesentlich umfassenderen und differenzierteren Verständnis von Sexualität und sexuellem Begehren beigetragen. Und dennoch, auch in LGBTIQ*-Kontexten finden Menschen, die sich als asexuell begreifen, bis heute kaum einen Platz, sind Missverständnis und Vorurteil ausgesetzt. Ablinger (2011) verweist darauf; dass zwar die „[...]Kreativität und Unbegrenztheit[...]“ veschiedener Arten zu leben, zu lieben und zueinander in Beziehung zu treten in queeren Communities „gefeiert“ würde, gleichzeitig „werden genau die gleichen Qualitäten in der größeren Gesellschaft als Motive genutzt, asexuelle oder platonische Beziehungen zu entwerten. Leider kommt diese Entwertung auch in der queeren Community vor.“ (Ablinger 2011) 13 Ein anderer Weg wäre, die Vielfalt in der Menschen zueinander in Beziehung treten als Bereicherung zu sehen und den Austausch mit jenen, welche dies anders tun als man selbst, den Kontakt mit anderen erotisch-romantischen Erfahrungswelten, als eine Chance zur Horizonterweiterung und zu einem nuancierteren Verständnis des eigenen erotischen und romantischen In-der-Welt-Seins zu sehen. Schließlich liegt den meisten LGBTIQ(A?)*-politischen Bewegungen und queertheoretischen Überlegungen die Utopie einer Welt zugrunde, in der Menschen dieses ihr In-der-Welt-Sein auch ohne Scham, Angst und Urteil von außen leben und zum Ausdruck bringen können, egal ob in Bezug auf Geschlecht oder Anzahl der gewählten sexuellen oder romantischen Partner_innen, ob in Bezug auf präferierte Sexualpraktiken oder in Bezug auf Ausmaß und Art des empfundenen Begehrens oder gelebter Beziehungsrealitäten; eine Welt, in welcher diese verschiedenen Formen des (a)sexuellen Ausdruckes nicht zueinander in Hierarchie gebracht oder in „gesund“/“krank“, „natürlich“/“unnatürlich“ und letztlich in „gut“/“schlecht“ eingeordnet werden; „sexuelle Selbstbestimmung“ eben. Und bis dahin, sollten vor allem LGBTIQ*- Kontexte solche sicheren Räume sein, auch für asexuelle Menschen: LGBTIAQ*. Es gibt noch viel zu tun.

Beatrice Frasl

Fußnoten:

X: Bengsch, Danielle. 2011. „Regelmäßiger Sex mit dem richtigen Partner ist gesund“ In: DIE WELT. 06.05.2011. <http://www.welt.de/gesundheit/article13354851/Regelmaessiger-Sex-mit-dem-richtigen-Partner-ist-gesund.html> [Zugriff: 20.11.2014]
1: Wikipedia. 2014. „Asexualität“. 20.10.2014. <http://de.wikipedia.org/wiki/asexualit%c3%a4t> [Zugriff: 20.11.2014]
2: Das DSM-IV der American Psychiatric Association listet beispielsweise noch 2000 „hyposexual desire disorder“ als Krankheit: American Psychiatric Association. 2000. Diagnostic and statistical manual of mental disorders. DSM-IV-TR. 4th Edition, Text Revision. American Psychiatric Association, Washington DC[3]. Wikipedia. 2014. „Asexualität“. 20.10.2014. <http://de.wikipedia.org/wiki/asexualit%c3%a4t> [Zugriff: 20.11.2014]
3: Im DSM – V wurde die Diagnosekriterien verändert und geschlechtsspezifisch differenziert (siehe: American Psychiatric Association. 2013. Diagnostic and statistical manual of mental disorders. DSM-V. American Psychiatric Association, Washington DC.)
4: Fisher, zitiert in: Miketta, Gaby. 2001. „Sexforschung: Wie viel Sex braucht der Mensch?“ in: FOCUS Magazin. 12.03.2001. <http://www.focus.de/wissen/natur/sexforschung-wieviel-sex-braucht-der-mensch_AID_187457.html> [Zugriff: 20.11.2014]
5: „Monosexualität“ ist ein Sammelbegriff für sexuelle Orientierungen (in der Regel Heterosexualität und Homosexualität), welche die sexuelle/romantische Anziehung gegenüber einem Geschlecht beinhalten (im Gegensatz zu Multisexualitäten, wie Pansexualität oder Bisexualität)