„Wie in Hogwarts.“

Die visuelle Selbstinszenierung der Uni Wien rund um das 650-Jahre-Jubiläum.

Der Dreh um das Visuelle

Eigentlich klingt die Aussage das Visuelle umgibt und beeinflusst uns in immer stärkerem Ausmaß wie ein billiger Allgemeinplatz. Tatsächlich beschäftigen sich die Sozialwissenschaften aber noch gar nicht so lange mit Wechselwirkungen von visuellen Medien, und gesellschaftlichen Ordnungen.

Mit dem ‚pictorial turn’ Anfang der 1990er Jahre wurde den Sozialwissenschaften eine weitere Drehung hinzugefügt. W. J. T. Mitchell, standsicherer Vertreter dieser Drehbewegung, beschreibt die visuelle Kultur als wechselseitige Beeinflussung von Visuellem und Gesellschaft. Darin spiegeln Bilder und Photographien einerseits soziale Herrschafts- und Machtverhältnisse wider, andererseits erschaffen und perpetuieren sie so auch bestimmte Vorstellungen, weshalb sie auch zur (Nicht-)Veränderung der Gesellschaft beitragen.
Bilder sind niemals nur ‚harmlose’ Abbildungen einer Situation, sie schaffen erst den Kontext ihrer Erzählung und verfolgen dabei eigene Kommunikationsstrategien.

Dass das Visuelle allgegenwärtig ist und Institutionen nicht nur durch das geschriebene Wort, sondern vor allem durch ihre visuelle Inszenierung wahrgenommen werden, ist auch der Universität Wien nicht entgangen.

The sky is not my pimmel

Die Bildtheorie geht davon aus, dass Bilder nicht nur auf einer denotativen, darstellenden Ebene mit uns kommunizieren, sondern auch auf einer konnotativen Ebene symbolische Inhalte und Werte vermitteln. Eine kritische Bildanalyse verlangt jedoch nicht nur, diese konnotativen Bedeutungen aufzudecken, sondern auch aufzuzeigen, was letztlich unsichtbar bleibt und wer nicht repräsentiert wird.

Sky Not Limit 1365

Betrachtet man vor diesem Hintergrund jenes Bild mit der programmatischen Aufschrift „The sky is not the limit. Since 1365“, das auf einem riesigen Plakat vor dem Haupteingang der Uni Wien thront, ist die Assoziation von Penis mit der ins All aufsteigenden Rakete nicht mehr weit, nicht nur wegen ihrer Form. Das Bild der Rakete, die in die Tiefen das Weltalls eindringt, um dort die Geheimnisse zu erkunden, erinnert in diesem Eroberungsgestus an die gewaltvolle Rhetorik Francis Bacons.

Für Bacon, den Begründer der deduktiven Methode in der Wissenschaft, war Natur weiblich konnotiert. Es galt, in ihre „Geheimnisse (...) ein|zu]dringen um an diese „verschlossenen Plätze“ [...] „durch[zu]dringen“.[1] Historisch gesehen mag es zwar akkurat sein, die Uni mit einem phallischen Symbol zu repräsentieren, dürfen doch Frauen* erst seit ein bisschen mehr als 100 Jahren an der Uni Wien studieren, aber es stellt sich die Frage, ob dies der heutigen Zeit angemessen ist.

Die Rakete schießt nach oben, der Rand des Bildes scheint ihr ebenso wenig Grenze wie der Himmel selbst. Sie steht für den zügellosen Fortschritt, den Aufbruch ins Neue und Unbekannte. Sie ist für Höheres gemacht, ebenso wie jene, die an der Uni Wien studieren auch die Besten der Besten sein sollen. Zumindest hätte das die Uni gerne so und gibt mit Mitteln wie Zugangsbeschränkungen, Knock-Out-Prüfungen und Studiengebühren ihr Bestes, um den Zugang zur Bildung zu limitieren.

Und letztlich bleibt auch das Bild der Wissenschaft, das dieses Plakat präsentiert, sehr unpersönlich. Wissenschaft, das sind Raketen und Satelliten. Die Menschen, deren Arbeit hinter der Rakete steckt, bleiben unsichtbar.

Das Produkt der Forschung steht im Vordergrund, nicht aber der Forschungsprozess und die darin eingeflossenen Wert- und Normvorstellungen. Durch den Fokus auf das Materielle muss der historische Kontext der Forschung nicht berücksichtig werden. Denn wer forscht hier überhaupt, mit welchen Erwartungshaltungen und unter welchen Bedingungen? Wer finanziert, wer profitiert und was sind mögliche positive oder negative Konsequenzen?

Es wäre eine Überlegung wert, ob die Erkundung des Alls die bestmögliche Forschung zur Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse ist oder ob vielleicht andere Fragen eine höhere Priorität haben könnten.

Wie hip, cool und modern die Universität Wien seit 650 Jahren ist, versucht sie auch in einem knapp 4-minütigen Video auf ihrer Homepage darzustellen[2]. Mit peppiger Musik und einer angenehmen Frauenstimme wird hier erklärt, dass die Uni Wien ein ‚Lebensraum‘ ist. Der leicht größenwahnsinnige Anspruch nach Höhe und Exzellenz wird hier auch durch die Darstellung der verschiedensten Standorte der Uni Wien aus der Vogelperspektive und nicht zuletzt durch das Zeigen der Sternwarte im Türkenschanzpark visuell unterstützt. Eingeblendete Schriftzüge, die nicht selten aus den Köpfen dargestellter Personen sprießen, bieten zusätzliche Informationen über

die Uni, etwa den Leitsatz „Die Wissenschaft und ihre Lehre ist frei.“ Wie ‚frei‘ die Wissenschaft etwa während des Nationalsozialismus war oder was der herrschende Ressourcenmangel, auf Ausschluss ausgerichtete Curricula und die hierarchischen Strukturen an der Uni für eine ‚freie‘ Lehre bedeuten, wird dabei ausgeblendet. Und wenn sich die Uni als multikulturell und weltoffen präsentiert, sollte nicht vergessen werden, mit welchen erschwerten Bedingungen Studierende aus nicht EWR-Ländern oft konfrontiert sind.

Uni 2.0?

Die Uni Wien schafft es zwar nicht, eine für Smartphones geeignete Homepage zu haben, will aber dennoch auch im Web 2.0 kräftig mitmischen. Deshalb hat die Universität Wien einen offiziellen Twitter- und seit Oktober 2013 auch einen Instagramaccount[3].

Während man auf Twitter immerhin noch knappe 140 Zeichen hat, um zu kommunizieren (mit wem ist wohl nie so ganz klar), kann der Erfolg von Instagram als Siegeszug des Visuellen über die Kommunikation verstanden werden, als Ausdruck einer Kommunikationskultur, die nur noch des Bildes und (eventuell) einer Bildunterschrift bedarf um alles zu sagen. Instagram ist visuelle Kultur in Reinform. Die Instagram-Photos von univienna bieten einen informativen Überblick über die visuelle Selbstinszenierung der Uni Wien. Der Informationsgehalt ist gering, hier geht es vor allem darum, viel Uni zu zeigen, die Studis bei Laune zu halten und ein ‚Wir‘-Gefühl zu erzeugen. Zu finden sind neben Tieren, die als Lernhilfe präsentiert werden und den saisonal angepassten Grüßen, v.a. Bilder der Fahnen vor der Uni, Bilder von Räumlichkeiten der Uni, Bilder von Studierendenausweisen, oder Bilder von Studierenden, die brav auf die Uni gehen und fleißig lernen. Hierzu darf natürlich das Bild des prall gefüllten Lesessaals der Hauptbibliothek nicht fehlen, das sich in Variationen auch auf Twitter, auf der Homepage der Uni Wien, in einem Kalender des Raum- und Ressourcenmanagements und ebenso in oben erwähntem Video wiederfindet. „Fast wie Hogwarts“ heißt es dazu auf Instagram, „Unsere Studis zur Prüfungszeit“ auf Twitter und im Video geht es um „Wissen aufsaugen“. Hier wird Gemeinschaftsgefühl erzeugt, die Gemeinschaft der willig Lernenden, die anscheinend der Uni gehört. Dass es umgekehrt sein könnte, steht außer Frage. Klar ist, wenn du brav büffelst, das Wissen in dich aufsaugst, gehörst du dazu und darfst Teil des (exzellenten) Kollektivs sein.
Doch wer ist eigentlich nicht auf diesem Bild? Wer hat vielleicht keinen Platz bekommen? Wer muss gerade arbeiten oder Pflegeaufgaben erfüllen und kann daher nicht genug leisten, um ganz vorne mit dabei zu sein? Die altehrwürdigen Gebäude, die Büsten all der Männer*, die einmal an der Uni studiert haben (Frauen* gibt es da ja keine), die Bücher – all das verweist auf Tradition.
Aber ist es eine Tradition, auf die die Uni Wien stolz sein kann, oder vielleicht eher eine, die auf Ausschluss, auf hierarchische Strukturen und auf die gläserne Decke verweist?

Mit ihrer visuellen Selbstinszenierung zeigt die Uni Wien ein Bild von sich, das die permanenten Ausschlüsse ihrer Geschichte reproduziert, ohne sie jedoch zu thematisieren oder kritisch zu hinterfragen. So gesehen entspricht die visuelle Kultur der Uni ihrer sonstigen Politik. Raum für Veränderung oder Platz für Kritik gibt es darin nicht.

Norberta Hood

Fußnoten:

1: Francis Bacon In: Merchant, Carolyne: The Death of Nature. Women, Ecology and the Scientific Revolution. Harper Collins. New York (1980)

2: http://www.univie.ac.at/de/universitaet/filmportraet/

3: twitter: @univienna, instagram: univienna