Wo’s rosa draufsteht, ist‘s rosa drin.

Über Vermarktung, Verharmlosung und Verweiblichung – machen uns Pillen zu dem, was wir sein sollen?

Hormonelle Verhütung als große Revolution des 20. Jahrhunderts, als Möglichkeit auf Selbstbestimmung und sexuelle Freiheit – oder doch nicht? Doch eher ein Zwang an eine tägliche Uhrzeit, ein Unterwerfen an Hormone, eine doppelte Verweiblichung?

Keineswegs will ich der Pille ihre historische Bedeutung, ihre Verdienste um Unabhängigkeit der Frau in Verhütungsfragen absprechen. Keineswegs soll sich der Artikel einer Tradition von geforderter Renaturalisierung bei Verhütung anschließen oder sich biologistischer Argumente bedienen. Keineswegs geht es um „do’s & don’ts“. Möglichkeiten zur Verhütung gibt es viele unterschiedliche und die Entscheidung bleibt jeder* (und jedem) selbst überlassen – hier werden jedenfalls keine Lösungen präsentiert.

Doch bei all den Dingen, die hier nicht Thema sein sollen, bleibt ein Problemfeld offen, das kritischer Hinterfragung bedarf. Herausgreifen möchte ich einen eventuellen Zusammenhang zwischen einer auffälligen Vermarktung in rosa als „Mädchenprodukt“ und einer scheinbar vernachlässigbaren Nebenwirkung, Stimmungsschwankungen.

Unbehagen 1

„Ich verschreibe Ihnen die Pille, die verbessert dann zugleich auch Ihr Hautbild.“

Frausein reicht ihn vielen Fällen schon völlig für eine Verschreibung, ja geradezu eine ärztliche Empfehlung aus. Von der Frauenärztin mit Rezept, einem Gratismuster in rosaroter Verpackung, Aufbewahrungsbox mit Kosmetikspiegel und Blümchen als Vergiss-mein-nicht-Aufkleber aus der Praxis geschickt (ohne wirklich mit der Absicht hingegangen zu sein), fängt das erste Unbehagen an. Der Name diesen Produktes ist mit einem weiblichen Diminutivaffix (-ette/-elle/etc.) versehen. Und statt des normalen Beipackzettels befindet sich in der kleinen Blümchenbox mit Spiegel ein ganzes Büchlein mit Vorteilen, Einnahmetipps und schlussendlich eine endlos lange Liste von Nebenwirkungen. Verpackung und Vermarktung machen klar: diese Pille ist für junge Frauen konzipiert.
Die Versicherung, dass durch eine besonders niedrige Dosierung jegliche Nebenwirkungen (insbesondere natürlich Gewichtszunahme) verringert werden konnten, trotzt der langen Liste. Auf der Homepage finden sich als Vorteile dieser „Minipille“ (schon wieder eine Verkleinerungsform) bessere Haut und stabiles Gewicht; sogar ein Online-Rechner für den Body-Mass-Index steht dort bereit. In dem Büchlein zur Pille wird als häufige Nebenwirkung „Vergrößerung der Brust“ genannt – eine vielfach erwünschte Wirkung, wie Einträge in diversen Internetforen bezeugen. Abseits der sicheren Verhütung sind es also äußerst hinterfragenswürdige Muster und Motivationen die Kauf und Verkauf dieser Pillen prägen. Macht uns erst die Pille zu besseren, „richtigeren“ Frauen – Frauen, die die Verantwortung für Empfängnisverhütung alleine tragen (wohlgemerkt auch finanziell), mit reinem Hautbild, größeren Brüsten und stabilem Gewicht?! Ist es dieses unbehagliche Konstrukt, in welches wir, dank Pille, besser passen sollen?

Unbehagen 2

„Über Wirkung und mögliche unerwünschte Wirkungen informieren Ärzt_in oder Apotheker_in…?“

Vom stabilen Gewicht zur instabilen psychischen Verfassung.

Angesichts der langen, angsteinflößenden Liste von Nebenwirkungen scheinen Stimmungsschwankungen, die an erster Stelle stehen (angegebene Häufigkeit: bei mehr als 1 von 100, aber weniger als 1 von 10 Frauen), fast gänzlich vernachlässigbar. Und überhaupt, was sind schon Stimmungsschwankungen? Wie kann mensch sie messen, wissen, erkennen und zuordnen? Und wer kommt schon auf die Idee so etwas Eigenartiges (im Sinne von Suspekt-Sein, aber auch das eigene Selbst treffend) der Verhütungsmethode zuzuschreiben?
Persönliche Erfahrungen und Gespräche mit Freundinnen zeigen, dass es doch immer die kleinen und großen Krisen im Studium, die Schwierigkeiten bei der Diplomarbeit, die Selbstzweifel oder auch Beziehungsprobleme sind, die als Auslöser für langandauernde Stimmungsschwankungen gesehen werden. Und erst wenn frau sich ihr eigenes Verhalten nicht mehr erklären kann, dann ist irgendwann die Idee, dass es an den täglich verschluckten Hormonen liegen kann, nicht mehr so abwegig. Unerklärliche Weinkrämpfe in der Nacht und das Unvermögen auf jede unangenehme Situation anders als mit Tränen in den Augen zu reagieren; durch Hormone beeinflusst? Schließlich war frau vorher eher verärgert, konnte ihrer Wut freien Lauf lassen, und war nicht von Kleinigkeiten emotional mitgenommen, deprimiert oder einfach nur traurig gestimmt.

Frappant, dass solche Stimmungsschwankungen so sehr mit dem gesellschaftlich konstruierten Bild der schwachen Frau zusammenfallen. Jene, die beschützt und getröstet werden muss, weil sie so schnell sentimental, unsicher, weinerlich wird. Jene, die in solchen Momenten einen liebevollen oder freundschaftlichen Arm um die Schulter braucht und sich einfach anlehnen will. Und wenn ihr selbst diese Rolle nicht passt, dann folgt noch mehr Verzweiflung, das Gefühl, mit den eigenen Reaktionen nicht zurechtzukommen.

Die rosarote Brille abnehmen

Vielleicht also doch den Körper aus dem ständigen Scheinzustand der Reproduktion herausholen und kurz produktiv-kritisch nachdenken: was ist das für eine Verhütung, die uns rosa-geblümt zu besseren Frauen machen will, uns aber zugleich mit großer Wahrscheinlichkeit Stimmungsschwankungen und emotionaler Schwäche aussetzt? Welche Formen von Biopolitik kommen darin zum Ausdruck? Ist das Mittel zur Selbstbestimmung zugleich auch eine Macht, die fremdbestimmt und oftmals schwer definierbar am eigenen Körper wirkt?

Verdammt, hier würde doch echt gut ein Foucault-Zitat passen:

„Bio-Politik der Bevölkerung. Die Disziplinen des Körpers und die Regulierungen der Bevölkerung bilden die beiden Pole, um die herum sich die Macht zum Leben organisiert hat. Die Installation dieser [ ... ] Technologie charakterisiert eine Macht, deren höchste Funktion nicht mehr das Töten, sondern die vollständige Durchsetzung des Lebens ist. Die alte Mächtigkeit des Todes, in der sich die Souveränität symbolisierte, wird nun überdeckt durch die sorgfältige Verwaltung der Körper und die rechnerische Planung des Lebens. [ ... ] Ironie dieses Dispositivs: es macht uns glauben, daß es darin um unsere ‚Befreiung‘ geht.“
Michel Foucault, Der Wille zum Wissen, Frankfurt a.M. 1983, S.136.

Elisabeth Hanzl